von otschen am 10.02.2010, 23:00
Diese Bezirksdelegiertenkonferenz vom 15. – 16. Mai 1971 fand in einer entscheidenden geschichtlichen Phase der DDR statt.
Sie war als Vorbereitung auf den berühmten 8. Parteitag der SED im Juni des Jahres 1971 geplant.
Kurz davor - Ende März / Anfang April – tagte in Moskau der 24. Parteitag der KPdSU, auf dem Walter Ulbricht sich rühmte, einer der wenigen Anwesenden zu sein, der Lenin noch persönlich kannte. Ausserdem maßte er sich an, mit seiner Wirtschaftspolitik in der DDR das Modell der sozialistischen Volkswirtschaft geschaffen zu haben. Das brachte ihm aber den Zorn und Neid des Großen Bruders ein. Nachzulesen bei wikipedia.
Kurze Zeit später am 3. Mai - wurde er „ zurückgetreten“ und Honecker zum Nachfolger ernannt.
Knapp zwei Wochen danach tagte die o.a. Bezirksdelegiertenkonferenz.
Es wäre interressant zu wissen, was die Genossen in Cottbus unter Herrn Walde beschlossen – oder innerlich gedacht haben. Sie saßen ja auf einer Zeitbombe, was bringt das und der Neue? Gehen unsere Pfründe verloren? Wie reagiert dasVolk? Wird es Machtkämpfe geben?
Werde ich mich halten können?
In der Broschüre „Von Ulbricht zu Honecker“, Dietz Verlag Berlin 1990, lesen wir auf Seite 49:
„Im Februarbericht 1971 aus Cottbus an Walter Ulbricht hieß es: ‚ Das Fehlen von Material und Zulieferteilen bzw. die verspätete Auslieferung führen in einer Reihe von Betrieben zu einer unkontinuierlichen Produktion, wodurch sich Sonderschichten und Überstunden seitens der Werktätigen zum Teil im erheblichen Maße notwendig machen ... Diese Probleme nehmen auch in den Diskussionen in der Wahlberichtsversammlung (der SED – der Verf.) größeren Raum ein. Es gibt große Bereitschaft, im sozialistischen Wettbewerb zum VIII. Parteitag den Wrtschaftsplan zu erfüllen. Gleichzeitig verstärken sich wieder Zweifel und Unklarheiten über unsere Fähigkeit, das Niveau der Planung und Leitung der Volkswirtschaft entscheidend zu verbessern. Nach wie vor wird den Beschlüssen der 14. Tagung des ZK (im Dez. 1970) zugestimmt, es wächst jedoch die Unzufriedenheit über die mangelnden Resultate der Durchführung dieser Beschlüsse.’ “
Diese eigentlich realistische Einschätzung der Cottbuser Parteileitung war aber auch nicht geeignet, Ulbrichts Vorstellung von der Beispielhaftigkeit des Modells DDR zu belegen. Allerdings zeugt sie vom guten Willen, zum Wohle des Volkes zu regieren, ganz im Gegensatz zur Gegenwart, wo in ganz andere Taschen regiert wird...
Das Hauptthema der Bezirksdelegiertenkonferenz in Cottbus wird allerdings der in vier Wochen bevorstehende 8. Parteitag im Juni gewesen sein.
Dieser 8. Parteitag der SED hatte einige Eigentümlichkeiten und Besonderheiten. Ulbricht blieb ihm aus Trotz gegen seine Entmachtung fern.
Der 8. Parteitag der SED hat auch kurzfristig einen Tag später als geplant angefangen. Ich erinnere mich noch, dass es an einem Montag war, wo das DDR Fernsehen, statt original vom PT zu berichten einen ganzen Vormittag und Nachmittag nur eine Schrifttafel zeigte mit der Aufschrift: „Wir berichten vom VIII. Parteitag der SED“. War es die Verwirrung, dass Ulbricht nicht erschienen war – wer weiß es ? Oder hat man auf Leonid Breshnew gewartet, der erst am nächsten Tag anreiste. Als der da war, ging es aber endlich los.