Bürgen

Bürgen

Beitragvon Ostler am 05.02.2008, 15:53

Wie verlief das Prozedere mit den Bürgen, die notwendig waren um Kandiat der SED zu werden? Kannte man die persönlich oder sorgte die Partei für diese? War die Funktion der Bürgen sinnvoll?
Ostler
Site Admin
 
Beiträge: 269
Registriert: 09.02.2007, 18:29

Re: Bürgen

Beitragvon otschen am 29.01.2010, 11:44

Wie man in der DDR anfang der 80er Jahre in der DDR Kandidat und anschließend Genosse wurde, und dann auch wieder austreten konnte, kannst du hier an meinem Beispiel nachlesen, was ich bereits in einem anderen Forum schrieb und ich es hier gern wiederhole:

Wie man SED Mitglied wurde - mein Beispiel
Ich möchte mit diesem Thema am persönlich erlebten Beispiel darüber berichten, wie es in der DDR zu SED Beitritten kam und wie so etwas endete.
Mein Heimatdorf befand sich in einem Nebental „der Ahnungslosen“ am Ufer des Flusses Zschopau. Ich erwähne dies, weil in diesem Dorf mangels Empfang selbst fürs DDR Fernsehen eine große Gemeinschaftsantennenanlage errichtet werden musste.
Im Jahre 1978 zog ich dann ins Vogtland in ein Dorf am Flusse Göltzsch. Dort wurde mir von der dortigen Landwirtschaftsproduktion LPG ein kleines Häuschen mit Grundstück preiswert angeboten, unter der Bedingung, dass ich in diesem Betrieb arbeite.
Gesagt – getan.
Ich und meine Familie zogen von einem Flussufer ans andere. Nachdem wir uns dort eingelebt hatten, erfuhren wir, dass geplant sei, in diesem Gebiet den Fluss durch eine Talsperre anzustauen. Demzufolge sollten die Häuser in diesem Dorf der Abrissbirne zum Opfer fallen!
Da hatten wir ja einen schönen Hauskauf getätigt!!!
Wir überlegten, ob wir etwa entschädigt werden würden – hatten aber wenig Vertrauen. Im besten Fall kriegen wir eine Wohnung in der Plattensiedlung.

Vielleicht – wenn ich ein Genosse werde und in die SED eintrete? Genossen haben oft ein Privileg! Vielleicht wird ein anderes Häuschen zugeteilt. Kurzer Entschluss: Ich stellte einen Antrag auf Aufnahme in die SED und meinte, mit offenen Armen aufgenommen zu werden.

Weit gefehlt.

In der Praxis war es so, dass wenn jemand Kandidat der SED werden wollte, zwei Bürgen brauchte, denen er mindestens ein Jahr lang bekannt war. Die hatte ich natürlich nicht in dieser neuen Gegend. Und aus der alten Heimat an der Zschopau wollte kein Genosse bürgen weil, wie sich herausgestellt hatte, dass ich für den Einbau des Westfernsehens in die Gemeinschaftsantenne Unterschriften gesammelt hatte.
Also zog ich bedauernd meinen Antrag zurück und glaubte, das sich damit die Angelegenheit erledigt habe.
Da kam Besuch von der SED Kreisleitung: Man bedaure diese Situation äußerst und möchte auf einen so jungen Genossen keineswegs verzichten. Man habe sich entschlossen, mich doch als Kandidat aufzunehmen und sie brachten ein Aufnahmeformular fertig ausgefüllt mit – nur das Datum wurde freigelassen. Man sehe, wie unbürokratisch es auf einmal ging. Damit war ich Kandidat der SED und der neue LPG Vorsitzende und seine Kaderleiterin konnten für mich bürgen.
[i]


So wurde ich Mitglied, ohne politische Ambitionen zu haben, reiner Eigennutz.
Ich wurde daraufhin vorgeführt, als Stallverantwortlicher eingesetzt, konnte die Fahrschule machen.

Eines Tages starb durch meine Fahrlässigkeit eine Kuh. Die Einzelheiten dazu möchte ich mir ersparen. Jedenfalls wurde ich dazu verdattert, ein Drittel eines Monatsgehaltes dafür zu bezahlen (sicher eine humane Entscheidung). Mein jugendlicher Starrsinn und meine inzwischen gescheiterte erste Ehe ließen mich wie folgt reagieren: Ich trat aus der Partei aus, so käme das Geld durch die gesparten Beiträge wieder rein. Und das bereits im Jahre 1982, weit vor der Wende, wo viele Parteibücher flogen.

Von da an gings bergab.

Ich machte damals gerade in der Erwachsenenqualifizierung den Facharbeiter. Da war ich leistungsmässig zwar mit in der Spitzengruppe – ich konnte 10 Liter Milch in 11 Minuten handmelken – aber durch mein Gesamtverhalten ( SED Austritt) bekam ich nur die Gesamtnote „Vier“, weil die Gesamtnote nicht besser als die Verhaltensnote sein durfte. Ausserdem erfolgte ein Eintrag in die Kaderakte.
Über die nervigen Rituale der „Kritik und Selbstkritik“, die danach folgten, möchte ich nicht schreiben.

Warum ich das niederschreibe? Vielleicht interessiert es jemand! Erlebte Geschichte. Was hier in wenigen Sätzen festgehalten wurde, hat viel Willenskraft und Nerven gekostet. Und es ist doch ein typisches Beispiel, dass nicht jeder oder vielleicht die Wenigsten aus ideologischer Überzeugung zur Partei gingen, sondern aus Schlitzohrigkeit – wie ich.[/i]

http://www.geschichtsforum.de/f46/wie-m ... iel-28943/
otschen
 

Re: Bürgen

Beitragvon bummi am 29.05.2010, 19:08

Einsicht ist der beste Weg, @otschen.

Für einen frisch Zugezogenen war diese Art Aufnahmeverfahren sicher das Beste.
Demnach wurde die Bewährungszeit, in die der Kandidatur verschoben.

In der Kandidaturzeit, die mit der Bewährungszeit zusammenfiel, stellte sich
nun raus, daß die Ambitionen nicht den Versprechen entsprachen.

Die Bürgen, so wie ich es noch in Erinnerung habe, konnten auch Bürgen sein;
im Sinne des Wortes. Sie haben damit ihre Hoffnung, daß aus dem ein Genosse wird,
mit der Bürgschaft verknüpft; ähnlich einem Patenschaftsvertrag. Der Bürge hat
damit die Pflicht übernommen, den werdenden Genossen helfend beizustehen.
Ist in meinen Augen eine absolut reguläre Art des Beistandes.
Die sogenannte Bewährungszeit wurde durch den Betreffenden meist nicht als
diese wahrgenommen. Der in frage Kommende, wurde eigentlich von der
Partei (entsprechenden Genossen) angesprochen, nachdem er die Bewährungszeit
bestanden hat (auch ohne es zu wissen). Wer sich praktisch durch besondere
Arbeits- oder sonstige Leistungen hervortat, hat die Bewährungszeit, an sich,
bestanden.
Die Kandidatur ist ja auch eine Bewährungszeit. In der Zeit sollten eigentlich schon
die ersten konkreten Aufträge fällig werden. Das konnte auch mit den entsprechenden
Selbstverpflichtungen angereichert werden; z.b., die Grünanlagen vorm Haus erneuern
oder, spezielle Optimierungen auf Arbeit anregen bzw. durchführen.

Stirbt die Kuh, biste da mal durchgefallen:-)))
Wenn ein Schadensersatz fällig war, möchte ich nicht weiter fragen:-))), @otschen.
Die persönliche, mit den Zeilen dokumentierte, Konsequenz ist eher ein Punkt
der Kritik:-))).
Mit den Zeilen kommt vielleicht noch ein gesellschaftliches Phänomen zum tragen.
Je besser es der Gesellschaft als Ganzes geht, desto komplizierter wird es, wirklich
brauchbare Genossen zu finden. Genossen, im Sinne - Vorbildfunktion.
Ja, und da sinn´mer beim Thema Erziehung und Jugendarbeit.

kh
bummi
 
Beiträge: 174
Registriert: 13.02.2010, 23:18

Re: Bürgen

Beitragvon otschen am 30.05.2010, 17:00

@bummi,
im Gegensatz zu dir habe ich mich getraut, meine Geschichte zu veröffentlichen. Da macht mir auch deine sprichwörtliche Klugschwätzerei nichts aus.
otschen
 

Re: Bürgen

Beitragvon bummi am 30.05.2010, 18:07

Womit nicht gesagt ist, daß die Geschichte wahr ist: @otschen.

Außerdem fehlt, teilweise, das Wesentlichste.
Wenn ich eine Kritik am System absetze, muß ich zumindest genau diese
Punkte, die zum Zerwürfnis geführt haben, erklären. Und das ist leider
nicht der Fall. Damit ist das Ganze eine Geschichte, weiter nix.
Deshalb habe ich auch die fällige Kritik angedeutet.

Die offene Aussage des Textes ist, daß man mit Beziehungen oder in
entsprechender Position, ohne weiteres, Mitglied der SED werden konnte.
Vor allem in dem Kontext, daß mer, selbst als "grober Systemgegner",
in die "Partei - oder Pseudopartei!" eintreten konnte.
Pseudopartei erwähne ich deshalb, weil in dem Kontext genau der Eindruck entsteht.
Aus dem Grund habe ich mal den ganz normalen Ablauf einer Kandidatur
beschrieben und, wie, allgemein, Genossen gewonnen wurden.
Das Resultat der (Kurz-) Mitgliedschaft bzw. -Kandidatur belegt den allegemeinen Ablauf.
Mit der Geschichte wird suggeriert, die Partei hätte Mitglieder dringend nötig
gehabt. Das stimmt aber nicht!

kh
bummi
 
Beiträge: 174
Registriert: 13.02.2010, 23:18


Zurück zu Kandidat

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron